Was ist faktisch passiert? Amerikanische Bundesbehörden haben sich unter merkwürdigen Namen bei Bluesky angemeldet und Statements gebracht wie "na Bluesky, wir haben gehört das ist ein schöner Platz". Es handelt sich also offenbar um ein politisch gezieltes Trolling einer linksliberalen Plattform, die aufgrund ihrer Struktur technisch keine Möglichkeit bietet, von autoritären Strukturen oder Einzelpersonen übernommen zu werden.

Ich empfehle die ersten Minuten vom Podcast #hakendran. Gavin Karlmeier spricht hier, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, von kollaborierten Trolling.

Es ist eine Aktion, die Bluesky torpedieren soll, und einfältige Helfershelfer mischen kräftig mit. Dass sich die Socialmedia Bubble, die unreflektiert irgendwelchen Bloggern bei ihrer Jagd nach Clickbait hinterherläuft und ihr Möglichstes tun wird, um sich über Bluesky zu echauffieren, wussten die Chefstrategen im Weißen Haus natürlich. Sie konnten auf die Twitter Sozialisierung der Socialmedia Bubble zählen.

Wie in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens brauchen Täter und Interessengruppen nur ein Dominosteinchen anstoßen, um eine Trollarmee an nützlichen Idioten für sich gewinnen zu können. Wer hätte jemals gedacht, dass es eine Armee an Menschen gibt, die von der amerikanischen Administration nicht einmal Geld bekommen muss, um ihren Plan - nämlich die aktuell einzige relevante Konkurrenz zu X zu torpedieren - ganz freiwillig und voller Freude umsetzen wird. Helfershelfer des Trump Regimes. Nein, nicht Bluesky hat sich entlarvt, sondern Mastodon und die Menschen, die man (offensichtlich irrtümlich) immer für IT Cracks und Nerds gehalten hat.

An dem ganzen Aufschrei beweist sich: das Mastodon Umfeld ist mehr Twitter/X ist als es immer selbst zu glauben scheint, weil es sich nämlich einfach aufscheuchen lässt, allerdings hinter dem Aufschrei keine Substanz steckt: denn so sehr wie man den Faschismus des Trump Regimes nun auf Bluesky zu erkennen glaubt, so wenig Probleme hat man mit dem Antisemitismus, der Desinformation und den Hamas-affinen Accounts im Mastodon Universum. Oder wie kommt es, dass manche Leute zwar von Bluesky vor dem Weißen Haus fliehen, aber sich gleichzeitig auf einer Instanz niederlassen, die völlig offen Accounts pflegt, die in direkter Verbindung zur Hamas stehen? Es zeigt Euren moralischen Bankrott. Redet nicht über Faschismus, wenn Ihr keine Berührungsängste mit Leuten habt, deren Umfeld sich auf die "Protokolle der Weisen von Zion", einer europäischen antisemitischen Hetzschrift, stützt.

Man kann einen Menschen aus Twitter holen, aber nicht Twitter aus dem Menschen.

Es zeigt aber auch, wie wenig Nerd das Fediverse wirklich ist, und wie wenig der Wille ausgeprägt, sich mit Systemen zu befassen, nur weil sie äußerlich wie Twitter wirken. Tatsächlich habe ich eher bei Hubzilla und Friendica Menschen getroffen, die zu einer Bluesky Kritik aufgrund einer technischen Auseinandersetzung fähig sind, während sich die Mastodon-typische Auseinandersetzung auf dem "Mein Guru hat einen Blog geschrieben" Level bewegt. Man erkennt hoffentlich die bewusste Überziehung, wenn nicht, geh bitte woanders hin.

Die Mastodon Bubble beweist ihr technisches Unverständnis, und es schwappt auch zu anderen Bubbles im Fediverse rüber. Was ist denn überhaupt Bluesky? Bluesky ist der Name der Firma, die das AT Protokoll entwickelt und die erste Applikation geschrieben hat. Vielleicht ist es vergleichbar mit der Mastodon gGmbH und ihrem Verhältnis zum Fediverse, deshalb sprechen manche auch, wenn sie nicht explizit die Firma Bluesky meinen, von Atmosphere, als Äquivalent zum Fediverse.

The "Atmosphere" is the term we use to describe the ecosystem around the AT Protocol.

Glossary of terms - AT Protocol
A collection of terminology used in the AT Protocol and their definitions.
https://atproto.com/guides/glossary#at-protocol

Das AT Protokoll, das die Firma Bluesky entwickelt hat, ist unabhängig von der Firma. Dieses Protokoll war die Antwort auf ActivityPub, bei dem klassisch wie bei X/Twitter und anderen alten Socialmedia Systemen der Nutzer seine Beiträge, Follower, Likes etc. bei einer konkreten Firma bzw. der angebotenen Socialmedia Plattform speichert. Geht jemand von X weg, sind seine Beiträge verloren. Alles, was er geschrieben hat, ist verloren. Bei Mastodon ist es sehr ähnlich.

Fediverse Observer checks all sites in the fediverse and gives you an easy way to find a home from a map or list or automatically.
Mastodon Sites Status. Find a Mastodon server to sign up for, find one close to you!
https://mastodon.fediverse.observer/earthstream.social

Die Nutzer melden sich bei einer Instanz an und überlassen ihre Beiträge und die Moderation vollständig dem Instanzinhaber.

earthstream.social has been deleted
90 votes, 26 comments. The earthstream.social instance went down 2 weeks ago with no advance warning, and according to fediverse.observer it was…
https://www.reddit.com/r/Mastodon/comments/1o9x6n8/earthstreamsocial_has_been_deleted/?show=original

Im Atmosphere Universum ist das gänzlich anders. Die persönlichen Daten, also alles, was Du schreibst, gehört Dir, nicht Bluesky oder Blacksky. Man ist auch nicht "auf Bluesky", sondern die eigenen Daten sind getrennt von Anbieter, Firma und deren Strukturen. Man spricht hier von personal data server (PDS). Diesen PDS kann ich natürlich von Bluesky verwalten lassen, aber auch von Alternativen wie Blacksky, und derzeit in Arbeit Northsky oder Eurosky. Ich kann diesen PDS aber auch zu Hause auf einem Server liegen haben oder mir irgendwo einen Server anmieten, wo ich meine Daten lagere. Wenn Bluesky ausfällt oder mir eben die Moderation nicht gefällt, kann ich über Blacksky in das Atmosphere Universum gehen, oder eine andere Alternative wählen.

Ich kann beim Ausfall aller derzeitigen Zugänge für "Bluesky" auch einfach meinen PDS liegen lassen und irgendwann wieder ans Netz gehen und bin Inhaberin meiner Daten, was Mastodon Nutzerinnen so nicht kennen. Deswegen entstehen allerdings Besonderheiten in der Moderation, Paul Frazee hat dazu geschrieben.

Update on Protocol Moderation - Paul's Leaflets
Where account takedowns happen is important
https://pfrazee.leaflet.pub/3lz4sgu7iec2k

Where account takedowns happen is important

Die Moderation verläuft bei Atmosphere nach einem Labelsystem (es gibt noch eine Blockfunktion, die sehr umfassend ist und vor allem den Schutz von Menschen bedenkt). Beiträge werden gelabelt und die Nutzerin kann entscheiden, welche Beiträge sie mit einer Verwarnung versehen lassen oder ganz ausblenden möchte. Die Moderationsservices sind zudem unabhängig von Bluesky, ich kann z.B. einen Moderationsservice der schwarzen Community abonnieren, weil ich den begründeten Verdacht habe, dass die Member dieses Teams ein besseres Verständnis von Diskriminierung haben als das wohl mehrheitlich weiße Bluesky Team. Ich kann auch den Moderationsservice von medizinischen Teams abonnieren, die medizinische Falschinformationen als solche labeln. Kurzum, bei Atmosphere ist nicht nur der eigenen Datenserver völlig unabhängig von Bluesky, auch die Moderation ist unabhängig.

Mastodon Nutzerinnen, die von Atmosphere zu Mastodon wechseln, machen also etwas kurioses: sie geben ihren personal data server und die Möglichkeit kompetenter Moderation auf und wechseln zu einem System, wo sie dem Instanzinhaberin nicht nur ihre Daten zuschreiben, sondern auch die Moderationskompetenz in allen Bereichen zutrauen (was recht naiv ist, und auch im Widerspruch zu den Erfahrungen steht, die marginalisierte Minderheiten im Fediverse machen mussten). Es ist ein viel stärkerer Rückfall in Twitter/X Strukturen. Wären sie wenigstens zu Hubzilla oder (streams) gegangen, wo man mit der nomadischen Identität die Kontrolle behält, oder hätte eine eigene Fedinstanz aufgesetzt, um Herr ihrer Daten zu bleiben, aber diejenigen, die jetzt einfach zu einer Mastodon Instanz wechseln und auf Bluesky schimpfen, lassen mich nur mit dem Kopf schütteln.

Dabei könnte man auch einfach sagen: Mir gefällt das Fediverse besser, deshalb bin ich da. Aber das wäre natürlich zu einfach.